Dan Schneider

Andreas Zach, Direktor der jubilierenden Musikschule, hat sich zur Aufgabe gemacht, die musikalische Laufbahn ehemaliger Schüler zu beleuchten. Da wir einen großen Teil unserer Jugend gemeinsam in den Wänden der alten Musikschule verbracht haben, stelle ich mich nun als erster dieser Herausforderung.

Wenn ich versuche zu erzählen, was ich heute beruflich mache, dann ist diese Geschichte weder schnell erzählt noch geradlinig. Dennoch war jede einzelne Station, ob bewusst oder durch Zufall, eine wichtige Etappe, die meine Passion zum Beruf werden lies. Musik.

Ja, Musik ist meine Passion. Und nein, ich bin kein Musiker. In dem Bewusstsein, dass viele nicht wissen werden, was sich hinter meiner Berufsbezeichnung verbirgt, werde ich mir die Auflösung für den Schluss aufheben. Also lade ich Euch zu einer kleinen Zeitreise ein, aber verzeiht, wenn ich auf Jahreszahlen verzichte, da ich diese nur erraten müsste.

Gehen wir zurück in die DDR. Wenn man mich fragt, wie ich zur Musik gekommen bin, dann waren das in erster Linie meine Eltern. Mein Papa besitzt bis heute eine ausserordentliche, genreübergreifende Schallplattensammlung. So lange ich denken kann, hörten wir Klassik, Jazz, Pop, Rock und Folklore. Der erste Kontakt zu meinem Hauptinstrument Gitarre war ein altes Modell meiner Eltern, das ich irgendwann hinter einer Schrankwand fand, eingepackt in einer alten, braunen, hässlichen Stoffhülle. Da ich auf vielen Kinderbildern mit diversen Spielzeuginstrumenten zu sehen bin, gehe ich davon aus, dass man meine Neigung zu Musizieren recht früh erkennen konnte. Daher nutzten wohl meine Eltern das Angebot meiner Schulgartenlehrerin Frau Brettschneider, die die AG Gitarre ins Leben rief. Hier stellte sich heraus, dass ich schnell unterfordert war und ich wechselte nach kurzer Zeit zu Herrn Schostag, einem Dozenten der staatlichen Musikschule.

 

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1990er Jahre, Mittelalterfest Pestalozzi Gymnasium Guben, Foto: privat

Da die Aufnahme zu dieser Zeit nicht einfach war, blieb es in den folgenden Jahren bei privatem Unterricht in seinem Wohnzimmer. Die Wende kam und alles änderte sich. Auch das Aufnahmesystem und ehe ich mich versah, war ich Schüler an der städtischen Musikschule. Anfangs noch in den Räumen der damaligen Sonderschule am Bahnhof, später ging es in das ehemalige Stasigebäude. Hier sollte ich weitere 8 Jahre meine Nachmittage verbringen. Ob Unterricht zu zweit, im Quintett und später im großen Zupforchester, es gab nichts, was ich ausgelassen habe. Im Theorieunterricht lernte man dann auch neue Instrumentalisten kennen und gründete mit dem Segen des Musikschuldirektors Harald Lorscheider eine Band.

Zu dieser Zeit wurden zwei wichtige Weichen gestellt. Zum einen erkannte Herr Schostag meine Zuverlässigkeit und perfektionistische Neigung beim Stimmen des Instrumentes, was mir die Verantwortung einbrachte, alle Gitarren des Zupforchesters vor Konzerten zu stimmen. Zum Anderen stellte ich fest, dass mein Perfektionismus mir immer auf der Bühne im Wege stand. Wohl fühlte ich mich eh nur im Ensemble, als einer von vielen. Technische Probleme bei Bandauftritten nervten mich. Somit war klar, ich brauche zwar Musik, aber auf der Bühne machte sie mich nicht glücklich. Damals war das ein großes Problem für mich, denn bald stand ich vor der Frage, wohin es nun beruflich gehen soll.

Die Musikschule trat an mich heran, ob ich nicht selbst Schüler übernehmen möchte. Bis zum Abi war das ein guter Test um dann doch festzustellen, dass der Musikpädagoge nicht meiner Vorstellung entsprach. Vielleicht an dieser Stelle ein pädagogischer Rat: Kinder sollen zwar mit Pflichtbewusstsein ihr Instrument erlernen und nicht nur aus einer Laune heraus, aber sie sollen dabei nie den Spass verlieren. Der Kampf mit strengen und ehrgeizigen Eltern hat mir diese Laufbahn madig gemacht. Eine zweite Leidenschaft half mir aus der Patsche: die Affinität zur Technik. Der Gedanke war geboren, Tontechniker zu werden. Musik und Technik vereint, ohne auf der Bühne stehen zu müssen. Nun gab es diesen Lehrberuf nicht mehr. Ein Studium zum Toningenieur sollte das Problem lösen. Doch die Zugangsvoraussetzungen machten eine lange Vorbereitung nötig.

Ich bewarb mich im Staatstheater Cottbus, um die nötige Grundausbildung im Bereich Ton zu erhalten. 6 Tage in der Woche im Theater und am 7. Tag meine Schüler in der Musikschule unterrichten, so verbrachte ich ein weiteres Jahr. Da meine Ausbildung zur jährlichen Aufnahmeprüfung an der HFF Potsdam zeitlich noch nicht reichte, hing ich ein weiteres Jahr in der Luft. Da ich für mich im Theater nicht mehr viel lernen konnte, lehnte ich das Angebot des Tonmeisters ab, da zu bleiben. Ich hatte ja ein Ziel vor Augen und die engen Strukturen eines staatlichen Hauses standen da im Weg. Also bemühte ich mich um ein Praktikum bei Funktechnik Guben, deren Besitzer Herr Nitschke sich mit Beschallung beschäftigte. Parallel blieb ich der Musikschule als Dozent und Schüler treu, nahm weiter Unterricht am Instrument und in Gehörbildung. Dann kam der Tag der Wahrheit: 2 Jahre Vorbereitung für nichts. Kein Prüfling meines Prüfungstages erhielt die Chance auf einen Studienplatz. Ein Beruf musste her. Ich wollte nicht mehr meinen Eltern auf der Tasche liegen, wo doch der Traum geplatzt war.

Die Lösung war schnell gefunden, Musik ja, Technik nein. Stattdessen Wirtschaft, sprich die Lehre zum Kaufmann für Musikinstrumente wurde in Berlin begonnen. Damit endete die lange Beziehung mit der Musikschule. Doch mein Leben sollte meine Sturheit noch zu spüren bekommen. Denn das Ziel, eines Tages an einem Mischpult zu stehen, war nicht begraben. Während meiner verkürzten Ausbildung arbeitete ich an Plan B, Studium der Elektrotechnik mit Schwerpunkt Kommunikationswissenschaften an der TU Berlin. Nach dem IHK-Abschluss ging es dann nahtlos an die Uni. Als wenn das alles nicht schon umständlich genug wäre, an dieser Stelle einen riesigen Dank von Herzen an meine Eltern, die jede meiner Entscheidungen mitgetragen haben, auch wenn das sicher nicht immer einfach und mit vielen Ängsten verbunden war. Während meiner Ausbildung lernte ich dann einen jungen Musiker kennen, der den gleichen Beruf erlernen wollte. Eine Freundschaft begann und eine Kette neuer Zufälle.

Er wusste um meine Erfahrung im Tontechnikbereich und verhalf mir zu einer Position als Tonmann seiner Punkband und später, als er bei einer Berliner Indie-Pop Band einstieg, ging ich mit und fand mich über Nacht in einer neuen Welt wieder. Erst Clubs, dann Festivals, dann Live-Sound im Fernsehen. Diese wilde Zeit sorgte dafür, dass mein Studium auf Eis lag und ich während einer Tour die Rückmeldung verpasste. Aber sie war auch das Sprungbrett in das Tourgeschäft. Ich lernte neue Mentoren kennen und wurde mit einem neuen Beruf konfrontiert, den ich bis dahin nicht kannte und in dem ich mich bis heute wohl fühle.

Der Backliner.

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auf Tournee mit Die Prinzen, Foto: Mark Steinhausen

Sein Verantwortungsbereich umfasst alles, was mit Instrumenten zu tun hat. Angefangen von der Logistik, Beschaffung und Transport, Systementwicklung und Beratung nach Musiker- oder Produktionswünschen, Kontakt zur Hersteller-Industrie, Case-Design um alles für den Tourbetrieb sicher zu verpacken, bis zum Aufbau, Reparatur, Pflege, Stimmen und Showbetreuungen. Ob Saiten-Wechsel, Gitarren-Setup, Drum-Tuning, Midi-Setups und HD-Playbacksysteme, jede Band hat andere Aufgaben, die es zu lösen gilt.

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auf Tournee mit Sarah Brightman in Mexico

Und hier schliesst sich der Kreis. Was begann mit Gitarrenunterricht, Gehörbildung, Zupforchester-Stimmen, Instrumente verkaufen und Studium, hilft mir heute, meinen Beruf auf hohem Niveau und immer noch mit Passion auszuüben. Musikalische, technische und kaufmännische Skills erleichtern meine Arbeit, die mich das eine oder andere Mal um die Welt führte, immer eng geknüpft an den einen oder anderen Prominenten. Aber dieses Privileg hat nicht nur romantische Seiten. Man ist oft lang von zu Hause entfernt, lebt aus dem Koffer, schläft in Bussen und Hotels und nicht selten mangelt es an Schlaf. Aber bis heute nehme ich das gern in Kauf, denn der Weg dorthin war weit und beschwerlich, dafür kann ich sagen, dass ich meinen Job liebe.

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auf Tournee mit Philipp Poisel in Köln, Foto: Christoph Köstlin

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